REISE ZUM ENDE DER WELT

Mikrotheaterfestival 2022

Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Jakob von Hoddis

Weltuntergangsszenarien gibt es schon seit der Antike. Die Apokalypse ist in die Religionen eingeschrieben. Und gerne pflegen wir dystopische Vorstellungen in den rasenden Zeiten des nun auch für alle spürbaren Klimawandels, der Globalisierung, der Digitalisierung, der großen Fluchtbewegungen aufgrund der Brandherde im nahen Osten, dem Niedergang der Demokratien und eines brüchigen Europas. Wir sehen die Möglichkeit eines Endes der Welt (wie wir sie kennen) näher vor uns als je zuvor. Dazu hat uns weltweit eine Pandemie ereilt, mit der wir in diesem Ausmaß nie gerechnet hätten. Wir finden uns enthoben von allem, was unser Leben, unser Arbeiten ausmachte. Nichts scheint mehr sicher, kein Ende in Sicht. Das Selbstverständliche ist nicht mehr selbstverständlich. Menschen wissen nicht mehr, wie sie ihre Miete bezahlen sollen, sind von Arbeitslosigkeit bedroht, sind nicht „systemrelavant“, stehen vor dem Ruin. Die belebten Plätze auf aller Welt sind leergefegt. Die Menschen müssen sich abschotten. Die Grundrechte sind beschnitten. Und niemand weiß wie lange noch. Das fühlt sich wahrhaft apokalyptisch an.
Wir Künstler*innen haben unsere Bedeutung verloren, sind „Systemfirlefanz“. Es gibt Wichtigeres und Wichtigere als uns.

„Wir sitzen alle im selben Boot. Doch das ist nichts Neues. Das 21. Jahrhundert ist nämlich eine Pandemie, das Ergebnis der Globalisierung. Das Virus offenbart lediglich dasjenige, was längst der Fall ist: Dass wir eine völlig neue Idee einer globalen Aufklärung brauchen.“
Prof. Dr. Markus Gabriel

Wir wollen nicht klein beigeben und in Schockstarre verfallen!
Die Kunst, das Theater sind unsere Vehikel um Phantasien zur Weltverbesserung loszutreten, um Visionen und Utopien zu einer „globalen Aufklärung“ zu entwickeln, um Mensch und Welt, wie sie sind, zu betrachten und Ideen zu entwickeln wie Mensch und Welt sein könnten. Doch dazu müssen wir uns bewegen, tätig werden und nicht auf dem roten Plüschsessel sitzen bleiben, von dem wir meinen, dass er uns zusteht.

So bewegen wir uns in diesem Projekt innerhalb einer Reise von der dystopischen Vorstellung des Weltendes zu einer utopischen Vision einer grundlegenden Zeitenwende.

Diese Reise nehmen wir wörtlich: zu Fuss, mit dem Fahrrad, mit dem Bus fahren wir von Station zu Station. Das Label- und Institutionsunabhängige Stadtensemble Münsters entwickelt ein Kaleidoskop von kleinen Theaterstücken, Konzerten, Ausstellungen und Performances von der Dystopie hin zur Utopie in Form des Mikrotheaters und versuchen zusammen mit dem Publikum zu erforschen, welche Vision tatsächlich taugt zwischen Dystopie und Utopie diese Welt auch für unsere Enkel- und Enkelsenkel zu einem belebaren Planeten zu machen.

Das Mikrotheater ist ein neues Format des Theaters, das sich vor allem in Spanien großer Beliebtheit erfreut. Das Konzept folgt dabei der Devise: 15 X 15. Jedes Theaterstück dauert höchstens 15 Minuten und es sind pro Stück höchstens 15 Zuschauer*innen im Raum.

Diese Räume sind vielgestalt: z.B. von der kleinsten Spielstätte eines Theaters in Münster bewegt sich das Publikum zu einer Probebühne, zu einem Wohnzimmer in einem Wohnhaus, in einen Büroraum, in einen Kellerraum, in einen Garten, in einen Hinterhof, etc. Diese „Spielräume“ sind über den ganzen Stadtraum verteilt und werden zu Fuß, mit dem Rad oder mit Minibussen erreicht. Es sind jeweils Gruppen von 15 Zuschauer*innen unterwegs. Die einzelnen Stücke werden mehrmals wiederholt, bis das Publikum alles gesehen hat.

Nach verschiedenen Terminen dieser tatsächlichen Reise fügen wir alle Ministücke in einem Theaterabend zusammen, der dann im Spielplan des Theater Münster gezeigt werden kann.

„Wir müssen erkennen, dass die Infektionsketten des globalen Kapitalismus unsere Natur zerstören und die Bürger der Nationalstaaten verdummen, damit wir hauptberuflich zu Touristen und Konsumenten von Waren werden, deren Herstellung auf Dauer mehr Menschen töten wird, als alle Viren zusammengenommen. Warum löst eine medizinische, virologische Erkenntnis Solidarität aus, nicht aber die philosophische Einsicht, dass der einzige Ausweg aus der suizidalen Globalisierung eine Weltordnung jenseits einer Anhäufung von gegeneinander kämpfenden Nationalstaaten ist, die von einer stupiden, quantitativen Wirtschaftslogik angetrieben werden? Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten.“
Prof. Dr. Markus Gabriel